Bodhimandala

Meditation und Vortrag jenseits von Religion, Tradition und spiritueller Autorität

Spiritualität, Geld und Dienst
ein Text von Karim über den Ausverkauf der Spiritualität

Spiritualität sollte immer kostenlos sein und jedem zugänglich. Sie sollte nicht für den Lebensunterhalt benutzt werden, da man etwas, was niemandem gehört, auch nicht verkaufen kann. Ich hatte darüber schon viele Gespräche mit anderen Lehrern, Freunden und Besuchern, habe aber nur selten erlebt, dass jemand diese Ansicht teilt. Meistens höre ich Rechtfertigungen für das Geldverdienen mit spiritueller Arbeit. Oft wird argumentiert: „Man muss doch von etwas leben! Und wenn ich arbeite, habe ich keine Zeit mehr für die spirituelle Arbeit". Dem stimme ich zu und daraus erschließt sich die Konsequenz, in der Freizeit zu vermitteln. Das ist „Opfer und Dienst". Abgesehen von diesem Aspekt, stellt sich die Frage, was mit keine „Zeit" gemeint ist...
Sicher, man braucht Geld zum Leben, doch woher kommt das Geld? Muss es von der Spiritualität sein?

Zu Beginn meiner Vermittlung habe ich auch davon gelebt und hätte ohne Probleme weiter davon leben können. Aber irgendwann verstand ich im Herzen, dass dies nicht im Sinne der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit liegt und ich konträr zu meinen spirituellen Vorbildern handle. Und ich fragte mich auch, warum ich eigentlich nichts an meine Besucher und Zuhörer zahle? Ich bin doch auch beschenkt durch sie, ohne sie würde ich allein meditieren müssen! Das wäre doch traurig! So wuchs in mir die Entscheidung, in die Arbeitswelt zurückzukehren. So bin ich finanziell unabhängig, sorge durch meine Arbeit selbst für meinen Lebensunterhalt und spende ebenso für das Meditationszentrum „Bodhimandala" wie andere Besucher. Zusätzlich verliere ich nicht die Sorgen im Alltag aus den Augen, denn der Arbeitsplatz ist - wie bei allen Menschen - zuweilen ein Ort für Konflikte. Wenn es nach mir gegangen wäre, würde ich weiter von der Vermittlung leben und hätte nicht die Mühe auf mich genommen, in die Arbeitswelt zurückzukehren. Doch bei Hingabe und Selbstlosigkeit geht es nicht darum, was ich will oder wie ich es bequem habe. Solch eine praktische Herangehensweise an Hingabe ist nicht sehr beliebt - viel einfacher ist es, über Dienst zu philosophieren. Dienst bedeutet nun mal, dass du nichts dafür bekommst und nichts forderst. Die Freiheit, die damit einhergeht, kann nur erfahren werden, wenn es gelebt wird. Es ist ein Schritt der Freiheit, das Wissen absolut kostenlos anzubieten. Ein Segen, diese Anhaftung zurückzulassen, denn wie soll vermittelt werden, frei zu sein vom Wollen, wenn du selbst im Wollen gefangen bist? Sei es Geld, Bestätigung oder was auch immer.

Egal, was angeführt wird, um die Bereicherung durch Spiritualität zu rechtfertigen, seien es Argumente wie: „Alles geschieht, es gibt kein Ich, welches das Geld will; Anhaftung ist im Denken und muss nicht außen gelöst werden - es reicht, sich innerlich zu lösen" oder sei es das blinde Übernehmen von anderen Lehren oder Traditionen...keines dieser Argumente ist für das Herz stimmig. Alle diese Argumente kommen aus einem Geist, welcher nicht loslassen will oder kann. Zuweilen werden DVDs, Bücher und anderes zu enormen Preisen verkauft. Sogar Online - Vorträge sind zum Teil kostenpflichtig und Kongresse werden zu Bühnenauftritten, für welche die Besucher ordentlich bezahlen. Oft dienen diese Veranstaltungen der Promotion, um „die Lösung" zu verbreiten und Kunden zu gewinnen, meist unter dem Deckmantel: „Die Wahrheit muss weiter getragen werden, die Welt braucht Erwachen". Wenn einem Lehrer es so sehr am Herzen liegt, die Wahrheit zu verkünden, würde er oder sie es auch noch tun, wenn es absolut nichts dafür gäbe? Gäbe es dann noch die Motivation von einer Stadt zur anderen zu tingeln, um zu predigen und zu lehren? Wäre die Liebe zur Wahrheit auch noch so stark, wenn man vielleicht selbst drauf zahlen müsste, um Menschen zu erreichen? Wäre es ein wirklich notwendiger Wunsch, würde das eine wahrhaftige Seele tun, nur um eine andere mit der Freude des Erwachens zu beschenken. Doch: der noble Wunsch würde sich bei vielen schnell verflüchtigen... Wo ist das Vertrauen, dass der Lehrer auch ohne diesen ganzen Zirkus gefunden wird? Oder eben nicht gefunden wird und er oder sie unentdeckt ein stilles Leben führt? Diese ganzen Anhaftungen müssen gehen, dazu brauche ich kein Buch oder jemanden, der mich davon überzeugt; es reicht, in mein Herz zu hören und auf die Erfahrungen des Lebens zu blicken. Doch geprägt durch Religion und Tradition sitzt offenbar der Glaube tief, dass der Lehrer das Geld einfach so nehmen darf, da er ja seine Zeit, Präsenz usw. anbietet....

Ich fühle mich nicht als etwas Besonderes mit dieser Herangehens - und „Sichtweise", möchte
aber gern aufzeigen, dass es auch anders geht, als dem spirituellen Markt zu verfallen - und ich möchte Mut machen,nicht aufzuhören davon zu träumen, dass Spiritualität und Vermittlung wieder frei und kostenlos zur Verfügung stehen.
Es fühlt sich stimmig an, all dies in meiner Freizeit anzubieten; nach einem harten Arbeitstag Vorträge zu halten, zur Meditation einzuladen und mich um die Organisation zu kümmern. Gemeinsam tragen wir mit unseren Spenden die Finanzierung der Räume - jeder nach seinen Möglichkeiten. Gibt es ein Plus an Spenden über die laufenden Kosten hinaus, geht es komplett in die Einrichtung des Zentrums, in die Bildung von Rücklagen, Steuern etc. ....oder wird weiter gespendet an wirklich Bedürftige. Und manchmal bringen Besucher Blumen mit, was für ein Geschenk.

Ich sehe es als meine Aufgabe an, für einen Raum zu sorgen, wo das Wertvollste, was mir im Leben begegnet ist, weitergegeben werden kann - dies ist mein Lohn und der Lohn ist Gnade. Das ist meine Art, meine Dankbarkeit auszudrücken - auf meinem Weg hat nie jemand, der wirklich etwas in mir bewegt hat, auch nur einen Cent von mir verlangt.
Bei meinem letzten Retreat zahlten die Teilnehmer lediglich ihre Unterkunft und die Verpflegung. Da ich selbst auch Teilnehmer bin - denn es gibt nur eine Sangha - , zahlte ich ebenfalls meine Unterkunft selbst. Für meine Vermittlung musste nichts bezahlt werden. Der Lohn liegt für mich in der Entschlossenheit der Besucher und dass sie lange Fahrten auf sich nehmen.

Oft hörte ich auch das Argument, dass es ein „Energieaustausch" sei, dass die Besucher durch Geld etwas zurückgeben wollen. Die Wirklichkeit ist das einzige, das nicht getauscht werden kann. Jeder Besucher, der zur Meditation kommt, gibt und nimmt dasselbe wie ich: Zeit, Aufrichtigkeit und die Liebe zur Stille.

Vermitteln zu dürfen ist eine Aufgabe, die es mit sich bringt, nichts dafür zu bekommen. Aber heute schaut kaum noch jemand, wie ein Lehrer lebt und was er lebt, es ist viel wichtiger geworden, was gesagt wird, wie man aussieht und was man verkauft. Lehrer zu sein bedeutet jedoch in der Tiefe, selbstlos zu dienen, seine freie Zeit zu opfern. Aber ist es denn wirklich ein Opfer? Für mich ist es ein Geschenk, das tun zu dürfen! Eine Gnade, meinen „Vorbildern" treu zu bleiben und mir nicht nur die „Rosinen" herauszupicken.


" Stille ist der Geschmack der Liebe - Liebe ist der Nektar des Höchsten " Karim

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"Nichts ist dein Zustand - doch bist du der Raum aller Zustände" Karim